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Nachruf: Berichte und Reaktionen

Der Tod des nunmehr nicht nur in Deutschland, sondern auch im benachbarten Ausland durch sein soziales Engagement und die Darlehnskassen-Vereine wohlbekannten Friedrich Wilhelm Raiffeisens gab hinreichend Anlass zur Würdigung seines Schaffens und Lebenswerkes. Der trotz seiner Krankheit relativ plötzliche Tod Friedrich Wilhelm Raiffeisens traf seine Freunde und Bekannten sowie die Bürger der Gemeinden, für die er tätig war, zunächst doch wie ein Schock.

Aus den zahlreichen Nachrufen seien an dieser Stelle nur einige wenige zitiert, die dafür um so treffender Raiffeisens Charakter und Wirken beschreiben. 

Hier zunächst ein Auszug aus dem Nachruf der "Deutschen Landwirtschaftlichen Presse" vom Tag seiner Beisetzung, dem 14. März 1888:
"... .Denn der Fürsorge für die speziellen Bedürfnisse der Landwirtschaft und besonders  der kleinen Landwirte war sein ganzes Leben gewidmet, und schlecht anstehen würde es der deutschen Landwirtschaft, wenn sie dies jemals vergessen wollte.
Wenn Schulze-Delitzsch in weiten Kreisen bekannter geworden sein mag, so lag das in der Konzentration des Schulze’schen Wirkens auf die städtischen Gewerbe und in seiner durch glänzende persönliche Gaben unterstützten, auf zahllosen Reisen durch die ganze Land geübten agitatorischen Tätigkeit. Raiffeisen war demgegenüber eine mehr innerliche Natur, weniger geeignet, mit lauter Stimme seiner Sache im Gewühl der Parteien zu verfechten, dafür aber um so nachhaltiger in dem stillen und unermüdlichen Wirken für das, was er als sein Ideal erkannt hatte.
Und nicht niedrig gespannt waren seine Ideale. Man würde ihn sehr verkennen, wenn man glauben wollte, die Einrichtung von Darlehnskassen oder Konsumvereinen oder Produktivgenossenschaften, die Befriedigung materieller Bedürfnisse und die Förderung leiblicher Wohlfahrt sei ihm Selbstzweck gewesen. Für seine tiefgehenden Pläne war das alles nur Mittel zum Zwecke und sein letztes Ziel die sittliche Vervollkommnung des Menschen. Er war der von einem tiefen religiösen Empfinden getragenen Überzeugung, dass alle Schäden dieser Welt nur durch die Verbreitung wahrer Nächstenliebe zu heilen seien und das  die Bekämpfung der materiellen Not sowohl für die Notleidenden ein großes Hindernis eines tugendhaften Lebens beseitige, als noch mehr in allen hilfreich bei diesen gemeinnützigen Bestrebungen Beteiligten die edelsten Kräfte der Seele wachrufe und fördere. Sein ganzes System war daher auch nicht auf den gewöhnlichen Egoismus, der nur auf den Nutzen sieht, gegründet, sondern es setzt in erste Linie die uneigennützige aufopfernde Tätigkeit wahrer Menschenfreunde voraus."

Im gleichen Text wird weiter von "sozialer Pflichterfüllung" als "göttliche (m) Funke (n)" gesprochen, den Friedrich Wilhelm Raiffeisen als Voraussetzung bei den Vorständen neu zu gründender Darlehnskassen-Vereine erwarte. Sehe er diesen "Funken" nicht, so verzichte er lieber auf die Gründung eines Vereines an diesem Ort. 

Folgende Zeilen der gleichen Quelle beschreiben die Person Raiffeisens und seine Anhänger:
"So wenig auch das äußere Auftreten Raiffeisens auf den ersten Blick imponieren konnte, um so mehr fesselte die Wärme seiner Überzeugung, das vollständige Aufgehen seiner ganzen Persönlichkeit in der ergriffenen Lebensaufgabe, die Lauterkeit seiner Gesinnung alle die, welche näher mit ihm verkehrten, und fest entschlossen hat die stille Gemeinde seiner Anhänger zu ihm gehalten auch in der Zeit, wo seine Verdienste nicht nur anerkannt, sondern seine Bestrebungen von einflussreichen Stellen auf das Heftigste angegriffen wurden."

Die "Koblenzer Volkszeitung" spricht in ihrem Nachruf vom 18. März 1888 von einem "niemals ausgerufenen König im sozialen Reiche". 

Von Fürst Wilhelm zu Wied, dem engagierten Förderer und Freund Raiffeisens ist bekannt, dass er unmittelbar, nachdem er dessen Todesnachricht erhalten hatte, seine Wertschätzung mit den Worten ausdrückte:
"Ich habe einen Freund verloren, von dem ich viel gelernt habe." 

Etwas später drückt er seine Wünsche im Sinne Raiffeisens in einem Schreiben an den Straßburger Vereinstag, an dem er selbst nicht anwesend sein konnte, u. a. in folgenden Worten aus:
"Denn das wird das schönste Denkmal sein, welches Sie alle seinem Andenken errichten können, schöner und dauerhafter als alles, was durch Künstlerhand ... ausgeführt werden könnte, dass alle Vereinsgenossen einmütig zusammenhalten, um, seinem Vorbilde folgend, in wahrhaft christlicher Nächstenliebe künftigen Geschlechtern den Schatz zu übermitteln, den er ihnen hinterlassen hat, den Schatz, durch welchen sie in den Stand gesetzt werden, den kalten Egoismus und die berechnende Gewinnsucht unserer Zeit zum Besten der Ärmsten unseres Volkes, des kleinen Landmanns, zu durchbrechen. Das Ihnen das gelingen möge, das walte Gott!" 

Fast schon pathetisch, aber sehr treffend klingen die Worte, die Pfarrer Kaiser aus Berg dein Donauwörth in seiner Gedächtnisrede fand:
"Mit Raiffeisen ist ein Mann aus dem Leben geschieden, dessen Herz durch zwei Menschenalter hindurch warm geschlagen für Tausende seiner Mitbrüder, dessen Blut durch die Adern rollte, wenn es galt, dem Dienst des Nächsten in selbstloser Weise sich hinzugeben."

Passend sind auch die Zeilen, die die französische Zeitschrift "Revue des Banques"  findet, in dem sie Raiffeisens Wirken vor dem gesellschaftlichen Hintergrund sieht:
"In einer Epoche von Materialisten war Raiffeisen Spiritualist und Christ in des Wortes ganzer Bedeutung geblieben. Raiffeisen ist der Schöpfer einer fruchtbaren Bewegung. Er hat den Bauern gezeigt, wie sie gegen die Zwischenhändler zu kämpfen vermögen; er hinterlässt mehr denn 1000 nach seinen Prinzipien organisierte Darlehnskassen; er hinterlässt sein Werk blühend und mächtig."