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Raiffeisen als Genossenschaftsgründer

Raiffeisens Lebens- und Schaffenszeit fällt in eine Phase weitgreifender Umwälzungen auf fast allen Bereichen menschlichen Lebens:

  • 1803 Auflösung des "Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation" durch den "Reichsdeputationshauptschluss"
  • Im Nachgang erfolgten Bauernbefreiung, Judenemanzipation, Abbau ständischer und kirchlicher Privilegien, kurz die Zerstörung überkommener Strukturen.
  • 1815 fand der Wiener Kongress statt, an dessen Ende die territoriale Neuordnung Europas und Deutschlands stand.
  • Die Erfindung und Entwicklung von Kraftmaschinen führt zur sprunghaften Errichtung von Fabriken und damit zur "Industriellen Revolution" mit Ursprung in England.
  • Auch politisch wurde viel bewegt. Seit den Befreiungskriegen wurde klar, dass der Mensch sich nicht mehr nur als Untertan, sondern vielmehr als Staatsbürger fühlte.
  • In der Revolution von 1848 wurden erstmals in Deutschland bürgerliche Rechte, z. B. Versammlungs- und Pressefreiheit für die Masse eingefordert.
  • Die Parlamente erkämpfen sich das Budgetrecht.
  • Von den Umwälzungen war vor allem die ärmere Landbevölkerung betroffen. Insbesondere im Rheinland, wo die Realerbteilung galt, und demzufolge die Anbauflächen immer wieder aufgeteilt und verkleinert wurden, gab es nur wenige bäuerliche Betriebe, die ihren "Mann" ernährten. Klimatisch bedingte Missernten führten unmittelbar zu wirtschaftlichen Katastrophen, denen nicht selten ganze Familien zum Opfer vielen. 

Bereits in Weyerbusch und Flammersfeld hatte Raiffeisen je einen Verein zur Steuerung des Elends gegründet, den "Weyerbuscher Brodverein" und den "Flammersfelder Hülfsverein zur Unterstützung unbemittelter Landwirte". Diese arbeiteten nach dem Prinzip der religiös-sittlich begründeten Wohltätigkeit. 

Die Lebensbedingungen der Menschen waren im Amt Heddesdorf etwas besser als in Flammersfeld, doch mangelte es auch hier der ärmeren Bevölkerung an Bargeld. In Rechnungsdingen ungebildet, fielen die Bauern Wucherern in die Hände. Größere Teile der Bevölkerung konnten durch die Loslösung von grundherrlichen Bedingungen und Zunftverfassung kaum ihren Lebensunterhalt bestreiten und waren auf Wohltätigkeit angewiesen. Die Kriminalität stieg und Kinder verwahrlosten. Da die überkommenen Einrichtungen der meist kirchlichen "Sozialfürsorge" mit diesen Problemen überfordert waren, gründete Raiffeisen 1854 den "Heddesdorfer Wohltätigkeitsverein"

Ziele des Vereins waren:

  • Fürsorge und Erziehung für verwahrloste Kinder
  • Beschäftigung arbeitsscheuer Personen und Strafgefangener
  • Beschaffung von Vieh
  • Einrichtung einer Kreditkasse für die unteren Klassen

Gewinne des Vereins, falls sie denn erwirtschaftet wurden, sollten nicht an die Mitglieder ausgeschüttet, sondern zu wohltätigen Zwecken verwendet werden. Gegenüber
den beiden Vorläufervereinen erweiterte der Heddesdorfer Verein seine Aufgaben um den Bereich der sozialen Fürsorge. Zunächst rekrutierten sich die Mitglieder dieses Vereins wie zuvor aus der "begüterten Klasse", die durch Bereitstellung von privatem Kapital, Spenden und Beiträgen sowie gemeinsame Haftung für Anleihen die Finanzierung der o. a. Aufgaben ermöglichten. Raiffeisen begründet diese Art der Vereinsgestaltung mit dem Gebot der christlichen Nächstenliebe. Wohlgemerkt wurden von diesen Vereinen im Gegensatz zu den überkommenen "milden Stiftungen" keine Almosen verteilt. Die Kredite zur Anschaffung von Vieh, Saatgut oder Maschinen mussten mit Zinsen zurückgezahlt werden. Strenge Tilgungspläne wurden aufgestellt und deren Einhaltung penibel überwacht. Hier wurde Hilfe zur Selbsthilfe gegeben. 

Vermutlich zum Leidwesen Raiffeisens liegt bald der Schwerpunkt der Vereinsarbeit in der Vergabe von Krediten. Ca. 1.500 Darlehen mit einer Gesamtsumme von 54.000 Thalern gewährte der Verein in der Zeit des Bestehens. Die Umsetzung sozialer Aufgaben blieb aus Geldmangel und wegen mangelnden Engagements der Vereinsmitglieder
für soziale Ziele in den Anfängen stecken. Schließlich scheiterte der Wohltätigkeitsverein an der mangelnden Bereitschaft vieler Mitglieder, den Kapitalbedarf zu erhöhen.
Sie fürchteten Verluste, die sie nach der Solidarhaftung aus dem eigenen Vermögen hätten tragen müssen.

Weitere Initiativen Raiffeisens scheiterten bereits an der Ablehnung seiner höheren Vorgesetzten, z. B. die Einführung einer Spar- und Kreditkasse für den Kreis Neuwied,
die Gründung einer Armen- und Krankenkasse oder des "Lehrerbesoldungsfonds". 

Inzwischen hatten sich Raiffeisens Ideen über seinen eigenen Amtsbereich ausgedehnt. In Anhausen und Engers wurden schon 1862 Darlehnskassen-Vereine gegründet. Besonders die Statuten des Anhausener Vereins schlug Raiffeisen später als "Mustersatzungen" für alle Vereine in ländlichen Gebieten vor. Nach den Erfahrungen mit dem Heddesdorfer Wohltätigkeitsverein propagierte diese Satzung die Mitgliedschaft der Darlehensnehmer im Verein und den Verzicht auf den sozialen Aspekt. War der Wirkungskreis früherer Vereine noch die ganze Bürgermeisterei gewesen, bezog sich die Zuständigkeit der Darlehenskassen-Vereine auf das Kirchspiel. Die räumliche Nähe
von Kasse und Kreditnehmer stärkte das gegenseitige Vertrauen und erleichterte die Kontrolle.

Nach diesem Vorbild bildeten sich zwischen 1862 und 1868 weitere Vereine in Bonefeld, Rengsdorf, Heddesdorf, Waldbreitbach, Asbach, Raubach, Puderbach usw. Gegen Ende der 60er Jahre des 19. Jahrhunderts kam es auch zur Gründung von Warenbezuggenossenschaften, die je nach den örtlichen Gegebenheiten zusammen mit den Darlehnskassen-Vereinen oder getrennt von ihnen operierten. Mitverantwortlich für die schnelle und weite Verbreitung der Raiffeisen'schen Ideen waren besonders die Ortspfarrer. Einige Jugend- und Altersfreunde Raiffeisens gehörten dem geistlichen Stand an. Einige der in der "Inneren Mission" in der evangelischen Kirche tätigen Pfarrer gehörten zu seinen Briefpartnern. Sein Schwager Renckhoff war der Pfarrer in Anhausen. Fast überall gehörten die Geistlichen dem Vorstand der örtlichen Vereine an. Bei Raiffeisen spielten konfessionelle Unterschiede keine Rolle.
Wenn es um die Gründung oder Geschäftsführung einer Genossenschaft ging, arbeitete er mit allen wohlmeinenden Menschen gerne uneigennützig zusammen. Einen besonderen Förderer und Fürsprecher fand Raiffeisen in dem Neuwieder Fürsten Wilhelm zu Wied. Krank und durch den Verlust seiner Frau geschwächt, trat Raiffeisen in den Ruhestand. Seine finanzielle Situation - als Pension standen ihm 30% seiner Dienstbezüge zu - zwang ihn, unternehmerisch tätig zu werden. Zunächst gründete er eine Zigarrenfabrik, später eine Weinhandlung.
 
Seine Hauttätigkeit widmete er der Förderung "seiner" Genossenschaften. Im März 1866 veröffentlichte er sein Buch über die Darlehnskassen-Vereine: "Die Darlehnskassen-Vereine als Mittel zur Abhilfe der Not der ländlichen Bevölkerung sowie auch der städtischen Handwerker und Arbeiter". Sogar eine Mustersatzung für Vereinsgründungen ist darin enthalten. Raiffeisens Ziel war es, der "Entsittlichung" der verarmten Bevölkerungsschichten durch Verbesserung ihrer ökonomischen Situation entgegen zu wirken. Dieser ethisch-religiöse Ansatz ist in allen Schriften Raiffeisens erkennbar.

1870 bestanden in der ehemaligen Rheinprovinz bereits 75 Darlehnskassen-Vereine (DVK). Als Geldausgleichsbank für die DVKe wurde 1874 die "Rheinische Landwirtschaftliche Genossenschaftsbank" gegründet, ähnliche Institute (Zentralbanken) in Hessen und Westfalen. Als übergeordnete Institution wurde 1874 die "Deutsche Landwirtschaftliche Generalbank" geschaffen. Revision und Betreuung der Genossenschaften übernahm der neugegründete "Anwaltsverband ländlicher Genossenschaften". 

In den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts kam es zum sogenannten "Systemstreit" zwischen den Genossenschaftsgründern Raiffeisen und Schulze-Delitzsch, der sich hauptsächlich auf unterschiedliche Auffassungen zur Bewertung von Geschäftsanteilen gründete. Auf dem Höhepunkt des Streits gelang es Schulze-Delitzsch, Raiffeisen Verstöße gegen das Genossenschaftsgesetz nachzuweisen, worauf die Raiffeisen’schen Zentralbanken und die Generalbank aufgelöst werden mussten. An deren Stelle trat später die als Aktiengesellschaft konzipierte Landwirtschaftliche Zentral-Darlehenskasse für Deutschland.

Auch an inneren Widerständen fehlte es nicht. Raiffeisens Beharren auf der Solidarhaftung und sein Festhalten daran, dass Gewinne nicht ausgeschüttet, sondern zu "wohltätigen Zwecken" genutzt werden mussten, führten zu Zerwürfnissen mit engen Mitarbeitern.

Nach Konsolidierung der Genossenschaften gründete Raiffeisen zusammen mit seiner Tochter Amalie und seinem Mitarbeiter Faßbender eine Handelsgesellschaft. Raiffeisen stiftete dazu seine Weinhandlung, eine Versicherungsagentur und 13.000 Mark aus seinem Privatvermögen. Die Gesellschaft gründete bald die Genossenschaftsdruckerei. Hauptaufgabe wurde der gemeinsame Warenbezug für die Konsumabteilungen der einzelnen Genossenschaften. Auch bei dieser Gründung legte er fest, dass mit erwirtschafteten Gewinnen die Gründung von Genossenschaften oder karitativen Institutionen unterstützt werden sollten.

Weitere religiös geprägte Pläne Raiffeisens, zum Beispiel eine Handelsgesellschaft nach dem Muster der "Herrenhuter Betriebe" in Neuwied, oder eine "Gesellschaft Caritas" nach dem Vorbild der Waldbreitbacher Krankenpflegeorden, wurden nicht realisier. Bei Raiffeisens Tod bestanden ca. 423 ländliche Genossenschaften, denen er mit örtlichen Kredit- und Warenbezugs- bzw. Absatzgenossenschaften, den Zentralkassen und dem Anwaltschaftsverband ein Organisationsschema gegeben hatte. Das sich daraus entwickelte Genossenschaftswesen besteht in vielen Ländern bis heute. Bezeichnend für Genossenschaften im Sinne Raiffeisens ist immer auch der soziale Aspekt, nicht die von Schulze-Delitzsch favorisierte, rein wirtschaftliche Ausrichtung. Davon überzeugt, dass zu Raiffeisens Lebzeiten in den Vereinen Solidarhaftung bestehen blieb und immer auch ein "unteilbares Vereinsvermögen" erhalten bleiben sollte, aus dem karitative Leistungen erbracht werden sollten. Durch Besserung der wirtschaftlichen Lage der Menschen glaubte er auch eine geistige und sittliche Besserung erzielen zu können.

Die Raiffeisen-Skulptur in Hamm (Sieg)
Sie ist eine 2,20 m große Stele und symbolisiert treffend die universelle Genossenschaftsidee.
Sie zeigt die Porträts von Friedrich Wilhelm Raiffeisen, Hermann Schulze-Delitzsch und Wilhelm Haas.
Seitlich wird sie von Streben mit Menschenbildern gestützt, als Abschluss trägt sie eine - noch unvollendete - Weltkugel.