Raiffeisenstraße > Das Darlehen in Raiffeisens Sinne

Das Darlehen in Raiffeisens Sinne

Was war und ist das Spezielle am Darlehen, so wie Friedrich Wilhelm Raiffeisen es "erfunden" hat?

Um das zu verstehen, muss man sich mit den Verhältnissen im Westerwald vor den geschichtlichen Rahmenbedingungen der damaligen Zeit, in der Mitte des 19. Jahrhunderts, beschäftigen. Sie waren Anstoß und Ursache für Raiffeisens Idee.

Die Bauernbefreiung, die Entlassung aus der Leibeigenschaft gegen Ende des 18. Jahrhunderts brachte diesem Stand eine bisher nicht gekannte Freiheit. Neben der Möglichkeit, die Früchte ihrer Arbeit, der Ernte und der Viehzucht nun selbst genießen zu können, waren die Landwirte nun aber auch gefordert, betriebswirtschaftlich zu denken und zu handeln. Die meisten waren mit dieser Aufgabe schlicht überfordert und gerieten schnell an Wucherer.

Nachdem Raiffeisen Bürgermeister in Weyerbusch wurde und er mit den Verhältnissen in seinem Zuständigkeitsgebiet vertraut wurde, ist ihm das Ausmaß dieser Entwicklung bewusst geworden. Die Kredite, die er daraufhin im Sinne hatte, übervorteilten die Bauern nicht und nutzten deren  wirtschaftliche Lage und Abhängigkeit von einem moderaten Gang des Jahresklimas nicht aus. Grundlegend neu, sieht man einmal von der fast zeitgleichen Idee Hermann Schulze-Delitzschs ab, war die Idee, das notwendige Kapital für zinsgünstige Darlehen von betuchten Bürgern seiner Samtgemeinde (vergleichbar mit der heutigen Verbandsgemeinde) zu erfragen.
Er tat dies bereits bei der Gründung des "Weyerbuscher Brodvereins" 1847, konnte aber die meisten Geldgeber nur zur Bereitstellung eines größeren Betrages bewegen, indem er sie auf ihre Christenpflicht hinwies.

Mit Friedrich Wilhelm Raiffeisens Wechsel nach Flammersfeld 1848 folgte die Gründung des "Flammersfelder Hülfsverein", dem er noch eine Sparkasse für die ärmeren Bevölkerungsschichten anschloss.

Als Bürgermeister von Heddesdorf schließlich (1852 bis 1865) unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten musste er einsehen, dass die Wohltätigkeitsklausel aus den Vereinssatzungen des dort gegründeten "Heddesdorfer Wohltätigkeitsverein" gestrichen werden musste. Der Verein wurde als "Darlehnskassen-Verein" neu ins Leben gerufen - jetzt mit entsprechend geänderter Satzung. Sie gilt in der Form für Anhausen als Mustersatzung und für die Gründung weiterer Darlehnskassen-Vereine.

Durch die Integration seines Grundsatzes "Hilfe zur Selbsthilfe" entwickelte Raiffeisen die Form der Genossenschaft, deren Ziel es war und ist, den einzelnen Betrieb zu unterstützen und zu stärken durch den finanziellen Zusammenhalt aller Mitglieder.

Es folgte die Gründung der "Landwirtschaftlichen Zentralkasse für Deutschland" (1876) und des "Anwaltschaftsverbandes ländlicher Genossenschaften" (1877).

Friedrich Wilhelm Raiffeisen widmete sich nach seinem gesundheitlich bedingten Ausscheiden aus dem Bürgermeisterdienst bald der Beratung bei Neugründungen von Darlehnskassen und Genossenschaften.

(Foto: Stadtarchiv Neuwied)