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Raiffeisens soziale Tätigkeit in Neuwied

Der "Heddesdorfer Wohltätigkeitsverein", 1854 gegründet, unterscheidet sich von seinen Vorläufern, dem "Weyerbuscher Brodverein" und dem "Flammersfelder Hülfsverein", vor allem dadurch, dass er über ein größeres Aufgabenspektrum verfügte. Dies lag u. a. auch daran, dass in Heddesdorf, damals ein Vorort von Neuwied, die Industrialisierung schon vorangeschritten war. Es existierten Hüttenwerksbetriebe und Fabriken.

Doch die negativen Folgen dieser Industrialisierung waren auch zu sehen: Kinder, um die sich niemand kümmerte, Straffälligkeit, keine Zeit für Muße und Bildung. Zwar gab es schon einige Einrichtungen, die Abhilfe schaffen sollten, etwa kleinere Kassenvereine für die medizinische Versorgung und auch einen "Verein zur Erziehung sittlich verwahrloster Kinder", aber offensichtlich waren diese Institutionen nicht in der Lage, der Not wirklich abzuhelfen. 

So stellte sich der  "Wohltätigkeitsverein" nicht nur zur Aufgabe, Bedürftigen günstige Kredite zu vermitteln, er wollte sich auch um verwahrloste Kinder und Strafentlassene kümmern sowie eine Volksbibliothek ins Leben rufen.

"Von dem Gesichtspunkt ausgehend, dass durch die Hebung der leiblichen Wohlfahrt auch die geistige gefördert wird, hat der Verein für die erstere nach Möglichkeit zu wirken und seine Wirksamkeit in dieser Beziehung möglichst weit auszudehnen", heißt es in den Gründungsstatuten. 

Soweit ersichtlich, ist die Volksbibliothek nicht wirklich entstanden. Um lediglich einen einzigen Strafentlassenen wurde sich gekümmert - von Raiffeisen selbst. Erfolgreicher war die Kindersozialarbeit. In dieser Zeit waren mit den "Rettungsanstalten" Einrichtungen entstanden, die diese Aufgabe beherzt annahmen und die als Vorläufer der heutigen Kinderheime angesehen werden können.

Eine solche "Rettungsanstalt" existierte auch in Anhausen (das heutige Paul-Schneider-Kinderheim in Oberbieber). Raiffeisen gehörte dem Vorstand dieses Rettungshauses an. Offensichtlich überschritten bald die Kosten für die Unterbringung der Kinder die Möglichkeiten des Vereins, so dass später dazu übergegangen wurde, die Kinder in geeigneten Familien unterzubringen. Nachdem auch die Summe der vergebenen Kredite so hoch angeschnellt war, dass sich die - solidarisch haftenden - Vereinsmitglieder zu weiteren Krediten nicht mehr in der Lage sahen, entschloss sich Raiffeisen wiederstrebend, vom bisherigen Wohltätigkeitssystem abzugehen und die Vereine genossenschaftlich zu organisieren. Da der inzwischen entstandene Stiftungsfonds satzungsgemäß nicht auf die neuen Vereine aufgeteilt werden durfte, entwickelte Raiffeisen den Plan, ihn sich weiter verzinsen zu lassen, damit aus der Summe rund hundert Jahre später ein Krankenhaus und eine Lehrerbildungsanstalt gebaut werden sollten. Die zuständige Behörde lehnte diesen Plan jedoch ab.

Auch wenn er etwas phantastisch anmutet, wird noch einmal die starke soziale Komponente in der Tätigkeit Raiffeisens darin schlagartig deutlich.

Raiffeisen-Denkmal am Roentgen-Museum (Kreismuseum Neuwied) in Neuwied (Foto: Stadtarchiv Neuwied)