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Raiffeisens Tätigkeit als Bürgermeister

Bei der Neugliederung der, im Wiener Kongress an Preußen gefallenen, Gebiete stellte sich alsbald ein Mangel an "Verwaltungsfachkräften" ein, so dass ein Verwaltungsaufbau wie in "Altpreußen" nicht zu realisieren war. 

Aus dem Bedürfnis der Verbesserung des Geschäftsbetriebes hatte die Bezirksregierung in Koblenz auch in den rechtsrheinischen Kreisen die Bürgermeistereiverfassung eingeführt. Nach dem Vorbild der französischen "Mairie" wurden mehrere Gemeinden unter einer "hauptamtlichen Verwaltung" mit einem Bürgermeister an der Spitze zu einer Verwaltungseinheit zusammengelegt. Im Landkreis Neuwied wurden 1817, unter Berücksichtigung der lokalen Verhältnisse, zunächst 18 Bürgermeistereien gebildet. Dazu gehörte Heddesdorf, dem 1822 noch Irlich, aus der Bürgermeisterei Engers, zugeteilt wurde.

Durch die 1845 erlassene preußische Gemeindeordnung wurde der Bürgermeister mit einer starken Machtfülle versehen. Er wurde von der Regierung auf Lebenszeit ernannt. Er war Inhaber aller wesentlichen kommunalen Befugnisse und von Gemeinderatsbeschlüssen unabhängig. Diese Stellen wurden von erfahrenen Verwaltungsbeamten besetzt, die in der Regel bei der Regierung in Koblenz oder bei den Kreisverwaltungen ihren "Beruf erlernt hatten".

Raiffeisen (1845-1848 Bürgermeister in Weyerbusch, ab 1848 in Flammersfeld) hat sich als Bürgermeister von Flammersfeld um die 1852 frei gewordene Stelle in Heddesdorf beworben, u. a. auch deshalb, weil die Verwaltung eines größeren Amtsbezirks ein höheres Gehalt mit sich brachte. Die Stelle wurde ihm am 24. August übertragen. Der Dienstantritt erfolgte am 16. September. Raiffeisen oblag die gesamte Verwaltungstätigkeit. Nach unseren heutigen Begriffen umfasst dies die Bereiche:

  • Allgemeine Verwaltung
  • Finanzen
  • Recht, Sicherheit und Ordnung
  • Schule und Kultur
  • Soziales, Jugend und Gesundheit
  • Bauwesen
  • Öffentliche Einrichtungen
  • Wirtschaft und Verkehr

Neben Raiffeisen war in der Verwaltung nur noch ein Schreiber/Registrator tätig, den er von seinem Gehalt bezahlen musste.
Anmerkung: Jede Bürgermeisterei-Verwaltung hatte neben dem Schreiber auch noch einen (oder zwei) "Einnehmer" (Steuereinnehmer).

Dieses Gehalt, unter Berücksichtigung der Kaufkraft auf heute bezogen, betrug etwa 1.800 EUR. In der Landwirtschaft wurden damals für Knechte und Mägde 20 - 50 EUR, für Tagelöhner ca. 90 EUR Jahresgehalt bezahlt. Ein Lehrer erhielt im Jahr 350 EUR. Kartoffeln kosteten 2,25 EUR pro 100 kg. Rindfleisch kostete 0,25 EUR das Kilo, Schweinefleisch 0,35 EUR.

Neben den o. a. Dienstpflichten, die Raiffeisen schon aus seiner Tätigkeit in Flammersfeld und Weyerbusch kannte, traten im Bereich Soziales verstärkt neue Aufgaben hinzu, z. B.:

  • Aufsicht über entlassene Strafgefangene
  • Betreuung verwahrloster Kinder

Raiffeisen bemühte sich um die Verbesserung der Infrastruktur im Amtsbezirk durch Förderung des Straßen- und Wegebaus. Dazu gehörte auch die Verbesserung der Wasserversorgung in den Gemeinden. Wegen mangelnder Hygiene (ungesicherte Jauche- oder Abortgruben liegen in der Nähe von Brunnen) treten auch in der Bürgermeisterei Heddesdorf Typhusepidemien auf. Bei einer solchen im Ort Segendorf im Jahr 1859 engagiert sich Raiffeisen persönlich derart, dass sein Augenleiden wieder aufbricht und ihn bis zu seinem Tode stark behindert. 

Schon an seinen früheren Wirkungsstätten hatte Raiffeisen sich um eine bessere Schulbildung der Landbevölkerung bemüht, wohl wissend, dass in der mangelnden Bildung eine Wurzel für viele Missstände lag. So setzte er sich z. B. für die Einführung von "Nähschulen" für Frauen und Mädchen ein.

Zunächst waren strukturelle Aufgaben zu bewältigen. Oft fehlte es schon an geeigneten Schulhäusern. Vielerorts wurde der Unterricht noch in gemieteten Wohnungen oder kirchlichen Gebäuden abgehalten. Zudem sorgte er für eine geregelte Bezahlung der Lehrer. Für deren Ausbildung selbst war das - 1818 in Neuwied gegründete - Schullehrerseminar zuständig. Während Raiffeisens Amtszeit wurden u. a. Schulen in Weyerbusch, Fladersbach (Ortsteil von Neitersen), Maulsbach (Ortsteil von Hirz-Maulsbach) und Horhausen gebaut. Seine Bemühungen waren auch Grundlage für den verstärkten Schulhausneubau unter seinen Nachfolgern. 

Ackerbau und Viehzucht wurden von ihm gefördert. In den Orten der Bürgermeisterei gründeten sich die "Viehversicherungsvereine". Gegen einen geringen Beitrag erhielten Bauern daraus Ausgleichszahlungen für krankes oder gefallenes Vieh. Vereinsmitglieder besuchten regelmäßig die Stallungen und deckten Mängel in der Unterbringung, Pflege und Fütterung des Viehs auf. Allmählich trugen die Bemühungen zu einer Verbesserung des Viehbestandes bei. 

Von Raiffeisens Tätigkeit als Bürgermeister ist darüber hinaus nur noch wenig deutlich sichtbar bis in unsere Zeit erhalten geblieben. Dazu gehört die "Raiffeisenstraße", für deren Erbauung und Instandhaltung er während seiner Amtszeit verantwortlich zeichnete. Wenn auch in der Bürgermeisterei Heddesdorf diese Straße bereits seit alters her trassiert war, sorgte doch Raiffeisen für einen fachgerechten Ausbau dergestalt, dass sie einen festen frostsicheren Unterbau und einen witterungsbeständigen Belag bekam. Damit war die Straße zu allen Jahreszeiten und unter allen Wetterbedingungen für Fuhrwerke befahrbar. Für die damalige Zeit, in der die Straßen und Wege vielfach nur aus ausgefahrenen Wagenleisten bestanden, bedeutete dies eine ungeheuere Verbesserung. 

Das von Raiffeisen erbaute Wohnhaus in der Dierdorfer Straße, in dem auch die Bürgermeisterei untergebracht war, wird heute privat genutzt. Die alte Raiffeisendruckerei in der Heddesdorfer Straße beherbergt Dienststellen der Stadtverwaltung Neuwied. 

Raiffeisens rastlosem Einsatz für seinen Amtsbezirk Heddesdorf wird nach nur 12 Dienstjahren im Jahr 1865 durch das sich verschlimmernde Augenleiden ein frühes Ende gesetzt. Ihm kommt vor allem der Verdienst zu, in vielen Bereichen den Anstoß zu Verbesserungen gegeben zu haben, die von seinen Nachfolgern vollendet wurden.

Raiffeisen-Begegnungs-Zentrum

Das internationale "Raiffeisen-Begegnungs-Zentrum" wurde 1989 in der Ortsgemeinde Weyerbusch gebaut.
Es steht direkt neben dem restaurierten, historischen Bürgermeisterhaus sowie einem Nachbau des
ehemaligen Raiffeisen-Backhauses aus dem Jahre 1847.
Die Betreuung des "Raiffeisen-Begegnungs-Zentrums" erfolgt durch die Westerwald Bank eG.
Weitere Infos unter: www.raiffeisenzentrum.de