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Raiffeisens Weltbild und sein Glaube

Raiffeisen wurde in seiner Jugend, vor allem durch seine Mutter und den Ortspfarrer, der auch sein Patenonkel war, tief religiös geprägt. Es sei hier nur auf das Vorwort und die Einleitung seines Buches "Die Darlehnskassen-Vereine" verwiesen, in denen Raiffeisen als Gottes "schwaches Werkzeug" und seine Arbeit als das biblisch gebotene "Trachten nach dem Reiche Gottes" versteht. 

So kann festgestellt werden: Die persönliche Frömmigkeit Raiffeisens hat auf seine Genossenschaftsarbeit ganz wesentlich eingewirkt. Die anfängliche Nichtausschüttung einer Dividende, für die statt dessen mit den Zinsen aus einem Stiftungsfonds soziale Aktivitäten finanziert werden sollten, weist ebenso darauf hin, wie die unbeschränkte Solidarhaft in den frühen Vereinen, die Raiffeisen ausdrücklich auf das biblische Vorbild des Alles-gemein-Habens der Apostelgeschichte (Kapitel 2) bezog. Über den Beginn seiner Arbeit in Weyerbusch und die Bereitschaft der Begüterten, mit ihrem Vermögen in dieser Weise unbeschränkt haftend für den "Brodverein" einzustehen, resümierte er später. "Keine Macht der Welt, keine weltlichen Vorteile hätten sie (die Begüterten) zu einem solchen für die damalige Zeit außerordentlich gewagt scheinenden Unternehmen (zu bringen) vermocht. Nur das Bewusstsein ihrer Christenpflicht war dazu im Stande." 

Die Bezugnahme auf die "Christenpflicht" findet sich immer wieder bei Raiffeisen, so wie er auch die Mahnung Jesu Christi, "Was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan." (Matthäus 25,40), als die "Grundlage der Darlehnskassen-Vereine und deren ganzer Organisation" ansah. 

Mit diesen christlichen Bestrebungen ging eine politisch konservative Grundhaltung einher, so dass Raiffeisen etwa die revolutionären Ereignisse von 1848 nur negativ als den versuchten Abfall von der göttlichen Ordnung zu deuten verstand. Mit seinen frühen Vereinen knüpfte Raiffeisen an das ständisch geprägte und religiös motivierte Bild vom Oberherrn als dem "guten Hausvater", der für die Seinen sorgt, an. Damit ergriff er ein schon zu seiner Zeit überkommenes Gesellschaftsbild wieder auf, das seit den Stein’schen Reformen der Vergangenheit angehörte. Die sog. Bauernbefreiung hatte die ländliche Bevölkerung neben der Ablösung von Fronpflichten auch in eine sozial völlig ungesicherte Zukunft entlassen. Mit der Anknüpfung an die "Christenpflicht" motivierte Raiffeisen die Wohlhabenden, ihre soziale Verantwortung auch unter den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen weiter wahrzunehmen.

Raiffeisen suchte in seinen Vereinen von Anfang an die Unterstützung der Geistlichkeit, wobei die betreffende Konfession für den Protestanten Raiffeisen keine Rolle spielte. 

Durch eine Vielzahl persönlicher Kontakte war er auch über die Bestrebungen der damals aufkommenden "Inneren Mission" informiert; ja er verwirklichte als preußischer Bürgermeister adäquat deren Programm, wie das Aufgabenfeld des "Heddesdorfer Wohltätigkeitsvereines" zeigt, zu dem neben der Kreditvergabe auch die Fürsorge für verwahrloste Kinder und Strafentlassene sowie der Bau einer Volksbibliothek zählte. Erst Anfang der 1860er Jahre entschloss Raiffeisen sich widerstrebend dazu, seine Vereine auf der Basis gegenseitiger Selbsthilfe umzustrukturieren und auf das reine Kreditgeschäft, später wieder erweitert um das Warengeschäft, zu beschränken.  

Nachdem seine Vereine einen starken Aufschwung nahmen, versuchte Raiffeisen nachdrücklich, die über das Finanzielle hinausgehende Zielsetzung der Vereine zu betonen. Raiffeisen beharrte darauf, seine Einrichtungen weiter als ein christliches Werk anzusehen. Er unternahm den Versuch, durch die Bildung einer interkonfessionellen Kommunität, die einer katholischen Krankenpflege-Kongregation im nahegelegenen Waldbreitbach nachempfunden war, die dementsprechende geistige Haltung seiner Mitarbeiter sicherzustellen, da diese gleichzeitig Mitglied der Kommunität sein sollten. Eine nach dem Muster der Betriebe der Herrnhuter Brüdergemeinde in Neuwied arbeitende Handelsgesellschaft sollte zudem ihre Erlöse in die Raiffeisen-Sache stecken und nicht in Form von Gewinnbeteiligungen an ihre Mitarbeiter ausschütten. Die erstgenannten Pläne ließen sich nicht verwirklichen, doch noch in den Papieren im Nachlass des Verstorbenen fanden sich weitere diesbezügliche Überlegungen. 

So ist Raiffeisens Gesamtwerk nur unter Berücksichtigung dieser Grundanschauungen sachgemäß zu verstehen.

 

Roentgen-Museum Neuwied

Im Kreismuseum Neuwied ist Deutschlands größter Roentgenmöbel-Sammlung sowie einer Präsentation
zum Leben und Wirken des Genossenschaftsgründers F.W. Raiffeisen untergebracht (Foto: Stadtarchiv Neuwied)